Organisieren im Jahr 2034: Von Ameisenmühlen und denkenden Bergen

Wenn wir nach neuen Geschichten für unsere Welt lauschen, nach Strukturen und Kulturen suchen, die sorgfältiger und verbundener mit Menschen und Natur umgehen, stosse ich im Moment auf einen spannenden Namen: Bayo Akomolafe.

Bayo, ein ehemaliger Psychotherapeut und jetzt international gefragter Philosoph, Redner und Schriftsteller, aufgewachsen in Nigeria, wohnhaft in Indien, ist bekannt für seine tiefgründigen, unkonventionellen, poetischen Ansichten zu Themen wie Ökologie, Spiritualität und soziale Gerechtigkeit.

Im Kreis gehen bis zum Umfallen

Ameisenmühlen sind für ihn die treffende Analogie zu unserer Hilflosigkeit mit den grossen Herausforderungen wie z.B. Klimakrise. Da die Tiere meist den Pheromonspuren ihrer Vorgänger folgen, kann dies bei einer Überkreuzung der Spuren zum Laufen im Kreis führen. Sobald mehrere Ameisen dieser Spur folgen, verstärkt sich die Pheromonspur, wodurch sich das Verhalten auf immer mehr Ameisen überträgt und sich letztlich zu einem grossen, endlosen Strudel von Ameisen entwickelt – bis sie vor Erschöpfung tot umfallen.

Die Ameisen könnten sich effizienter und schneller bewegen, sie können noch mehr Ameisen dazu rufen – sie kommen nicht aus der tödlichen Mühle raus. Erstmals berichtete William Beebe1921 von einer Ameisenmühle mit einer Strecke von 365 m, was einer Laufdauer von über 150 Minuten entspricht. Und doch treten die Ameisen an immer gleicher Stelle.

Für Bayo sind wir Menschen ebenso in einer Ameisenmühle gefangen. Durch die Wiederholung unserer Muster wie Kolonialisierung, Technologisierung, Mensch als Herr über die Natur, Globalisierung oder Wachstumsglaube drehen wir uns im Kreis. Wir nehmen es gar nicht wahr, dass wir uns immer schneller im Kreise drehen. Unsere Krisen sind Symptome der Erschöpfung.

Ausbruch aus der Mühle

Wie also ausbrechen? Bayo hilft uns mit einer unkonventionellen Frage: “Frage, was ein Berg denken würde”. (Der Begriff «Thinking Like A Mountain» stammt von Aldo Leopold)

Die Frage zielt auf mehrere Ebenen ab:

  • Frage dich, was deine Position im Gesamtsystem ist. Um was drehst du dich?
  • Fühle dich mit allem verbunden. Es gibt kein Mensch vs. Natur, Mensch ist Natur, alles, was wir geschaffen haben, gehört zum Ökosystem dazu.
  • Denke langsam und in Äonen. Zeit ist relativ. Bayo meint dazu: “Unsere Zeiten sind dringend. Lasst uns das Tempo drosseln.”

“Denken wie ein Berg” anerkennt die Verbundenheit aller Elemente in der Welt, ist sich bewusst, dass wir als Menschen nur ein weiteres Element in der weit grösseren Welt sind und dass die Elimination von Elementen das Gesamtsystem unvorhersehbar verändert. Wie Wölfe, die Rehe jagen, und sterbende Bäume, die von zu vielen Rehen angenagt sind, weil die Wölfe tot sind.

Dall-E: “Erstelle mir ein Bild von Organisationen, die wie Berge denken”


Denkräume in Organisationen

Es gilt also, Räume zu schaffen, in denen Organisationen wie ein Berg denken können, um aus der Ameisenmühle auszubrechen. Verlangsamen, rausstehen, die Richtung wechseln, Risiken eingehen und sich neue Ströme zum Schwimmen suchen. Methoden wie z.B. Theory U betonen und suchen aktiv eine entschleunigte Verbundenheit. Theory U versucht, die soziale, ökologische und spirituelle Kluft, vor der wir stehen, zu unterqueren – mit Gerechtigkeit, Regeneration und Sinn. Aus einer Debatte wird generatives Zuhören. Autoritätsglaube weicht einer ko-kreativen Präsenz. Märkte werden zur bewussten kollektiven Aktion. Staatliche Vorschriften verwandeln sich in einen geteilten Zugang zu Dienstleistungen und allgemeinen Ressourcen wie Luft, Boden und Wasser – vielleicht auch Geld.

Für dieses andere Denken und Fühlen benötigen wir Zeit, Reflexion, (Ent-)Lernen, Empathie, Neugier und Mut. Als Konsequenz entstehen in Organisationen fundamentale Verlagerungen wie z.B. von Kontrolle zu Vertrauen, von Geld zu sinnvollem Beitrag, von Hierarchien zu Netzwerken und von Wettbewerb zu Zusammenarbeit.

Diese Lernräume bringen die Belohnung mit, Organisationen wieder einen Platz in der Welt einzuräumen, von dem aus sie zu einer neuen Kraft des positiven Wandels werden. Wie früher, als es darum ging, Arbeitsplätze und Steuern zu schaffen – nur geht es heute um die Aufforstung von Wäldern, Erhaltung der Biodiversität, Herstellung von sozialer Gerechtigkeit und Rettung der Ozeane, um unsere Gesellschaft zukunftsfähig aufzustellen.

Dieser Wandel lässt sich erleben, in erfahrungsbasierten, naturnahen Lernräumen, individuell und kollektiv, in der Kultur und den organisationseigenen Strukturen, in achtsamen, tiefgehenden Prozessen, in denen wir die fliessenden Verbindungen der Welt wieder mit frischen Augen und Herzen sehen lernen.

Organisieren im Jahr 2034

Im Jahr 2034, nach vielem Denken wie ein Berg, könnten Organisationen in einer Welt des Wandels und der Unsicherheit eine radikale Transformation durchlaufen haben, um mit dieser alten neuen Komplexität der Welt umzugehen. Das neue Normal erzählt davon, wie sich die Art und Weise des Organisierens von starren hierarchischen Modellen zu flexibleren und dezentralisierten Formen der Zusammenarbeit entwickeln.

Prinzipien wie Selbstorganisation, Gemeinschaftsbildung und ein tiefes Verständnis für die lokalen Kontexte und Ökosysteme bilden die Glaubenssätze von Organisationen im Jahr 2034. Organisationen arbeiten zusammen und vernetzen sich, um komplexe Probleme anzugehen, die über die Grenzen einzelner Organisationen hinausgehen. Dies umfasst die Förderung von Partnerschaften zwischen verschiedenen Sektoren, Gemeinschaften und ökologischen Systemen.

Organisationen entwickeln eine hohe Sensibilität und Responsivität gegenüber den Bedürfnissen und Perspektiven verschiedener Stakeholder, einschliesslich verletzlicher Gemeinschaften und der Natur selbst. 2034 ist es normal, dass Organisationen Vielfalt und Inklusion herstellen und alternative Formen des Wissens und der Weisheit anerkennen.

Organisationen bewegen sich in eine neue Ära des Organisierens, die von Flexibilität, Empathie und einem tiefen Respekt für die Komplexität und Vielfalt des Lebens geprägt ist. Die Vision des Bergdenkens könnte eine Zukunft zeigen, in der Organisationen nicht nur dazu beitragen, menschliches Wohlergehen zu fördern, sondern auch in harmonischer Weise mit der Natur und dem gesamten Planeten zu interagieren.

Für Future Ready
Oliver Müller

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